Garden Route Gravel Giro Insights: Eine Woche #propergravel in Südafrika
Vergiss für einen Moment alles, was du glaubst, über Gravel-Rennen zu wissen. Der Garden Route Gravel Giro 2026 hat ziemlich eindrücklich gezeigt, dass ein Etappenrennen auf Schotter auch ganz anders funktionieren kann – und zwar konsequent und in sich schlüssig.
Unter dem Motto #propergravel ging im April 2026 ein neues Format an den Start, das sich bewusst auf die Essenz des Gravel-Sports konzentriert: schnelle, wellige Schotterstraßen, fließende Asphaltpassagen dazwischen – jedoch klar ohne technische MTB-Elemente wie Singletrails oder Jeeptracks. Johannes und ich waren für radsportszene.at vor Ort in Südafrika und haben uns sechs Tage lang durch eine der eindrucksvollsten Regionen des Landes bewegt. Zwischen Winelands, Karoo-Halbwüste und Küstenlinien war das Ergebnis weniger ein klassisches Rennen als vielmehr eine Mischung aus Etappenrennen, Bikepacking-Realität und einer überraschend intensiven Reiseerfahrung. Was wir dort zwischen den Winelands, der Halbwüste Karoo und der spektakulären Küste erlebt haben, war weit mehr als nur ein Radrennen – es war eine faszinierende Mischung aus sportlichem Grenzgang, Camping-Abenteuer und purem Urlaubsfeeling, die uns bereits bei der ersten Austragung vollkommen in ihren Bann gezogen hat.
Ankommen, Einrollen, Sortieren
Los ging’s am 9. April mit dem Flug von Wien über Kapstadt nach George und weiter Richtung Mossel Bay. Dort hatten wir zwei Tage Zeit, alles ein bisschen zu sortieren: Material checken, einkaufen, Kopf umstellen.
Die erste Aktivierungsfahrt nördlich von Mossel Bay hat dann schnell gezeigt, wo der Hase läuft: lange, wellige Gravelroads, ordentlich Wind, und ein Terrain, das wenig Versteck bietet. Parallel dazu wurde der Luftdruck feinjustiert, Material unter realen Bedingungen getestet und das Setup erstmals in Richtung Renndistanz „kalibriert“ – mit dem leisen Gefühl, dass das hier durchaus länger und intensiver werden könnte, als es der erste Eindruck vermuten ließ. Freundliche Menschen begegnen uns dabei überall entlang der Strecke, immer wieder wird am Straßenrand gewunken, und begeisterte Kinder klatschen mit uns ab. Der Nachmittag war den klassischen Rennvorbereitungen südafrikanischer Art vorbehalten: Woolworth, Clicks und Co., Carboloading auf Vorrat und das große „Was brauche ich wirklich für sechs Tage Camp-Leben?“.
Am Tag vor dem Start folgte eine lockere Ausfahrt, die Abholung der Startunterlagen in Jakkalsvlei sowie die letzten organisatorischen Abstimmungen. Die Logistik verlief dank des angebotenen Car-Drive-Services reibungslos. Die eigentliche Herausforderung kam dann beim Packen: eine riesige Tasche pro Person, in die wirklich alles rein musste. Und das war dann auch so eine Mischung aus Reiskocher, Ersatzteilen, Klamotten, Werkzeug und absurd viel Pulver und Gels. Irgendwie hat’s am Ende aber gepasst.





Das Rennen: hohe Grundgeschwindigkeit und große Landschaften
Obwohl ich die Region vom Cape Pioneer schon kannte, waren die konkreten Bedingungen schwer einzuschätzen, entsprechend vorsichtig fiel auch das Setup aus: Zur Absicherung war die Dropper Post meines MTB behelfsmäßig am Gravelbike montiert, dazu kamen 50 mm Schwalbe G-One Reifen vorne und hinten – im Grunde das Maximum, das sich aus dem KTM X-Strada herausholen ließ.
Schon wenige Minuten nach dem Start der ersten Etappe war klar: vorne wird gefahren, und zwar ohne große Zurückhaltung. Trotzdem präsentierte sich die Strecke genau so, wie man sich gutes Gravel wünscht – flüssig, schnell rollend und ohne unnötige technische Spielereien. Nach rund 73 Kilometern und knapp 950 Höhenmetern erreichten wir nach gut zwei Stunden das erste Etappenziel, und die Stimmung war eindeutig: Das macht richtig Spaß – und es wird hier sicher nicht einfacher. Mit breitem Grinsen rollten wir ins Ziel, denn wenn das bereits der Vorgeschmack war, konnte man sich auf den Rest der Woche nur freuen.
Die zweite Etappe lieferte genau das, was man sich in Südafrika erwartet: endlose Gravelroads, Hitze, und am Ende ein langer, flacher Kampf ins Ziel. Besonders hängen geblieben ist die Location – eine alte Eisenbahnstation mit richtig viel Charme, dazu entspanntes Essen im kleinen Restaurant gegenüber. Kein Stress, trotz Rennen.
Etappe drei brachte dann ein komplett anderes Bild: Regen am Start, dichter Nebel am Swartbergpass. Fast schon mystisch. Oben kaum Sicht, dafür eine Abfahrt, die sich dann langsam in Sonne und Weite aufgelöst hat. Genau diese Kontraste machen das Ganze so besonders.









Die vierte Etappe von Prince Albert nach De Rust war dann schon ein richtiger Brocken. Wieder Swartbergpass, diesmal von der harten Nordseite – kein Geschenk. Danach dieser lange, schnelle „Drag“ durch die Karoo, wo man einfach nur laufen lässt und Kilometer frisst. De Rust selbst war dann eines dieser Race Villages, die hängen bleiben: klein, ruhig, alles nah beisammen, perfekt zum Runterkommen.
Etappe fünf – die Königsetappe – hat dann alles zusammengezogen: 127 km, 2.400 Höhenmeter, Prince Alfred’s Pass in voller Länge. Riesige Dimensionen, lange Anstiege, Wälder, Hitze, dann wieder dieses Gefühl von völliger Abgeschiedenheit. Die „Corrugations“ im Wald haben irgendwann jeden Rhythmus zerstört, aber die finale Abfahrt Richtung Knysna hat das alles wieder gut gemacht.
Zum Abschluss auf Etappe sechs dann noch einmal 75 km von Knysna nach Wilderness. Wer hier auf Ausrollen gehofft hat, wurde schnell eines Besseren belehrt. Mehrere kürzere Pässe, ständig rauf und runter, dazu die Seven Passes Road und immer wieder erste Blicke auf den Indischen Ozean. Ein Finale, das nochmal alles rausgeholt hat.
Camp-Leben: einfach, klar, eingespielt



Der Tagesablauf im Camp folgte einer klaren und eingespielten Struktur. Der Tag begann jeweils früh am Morgen mit Frühstück und Kaffee, gefolgt von der Vorbereitung der Räder. Das Setup mit etwa 1,35 bar vorne und 1,45 bar hinten erwies sich über die gesamte Woche hinweg als stabil und ohne Defekte.
Die organisatorischen Abläufe funktionierten insgesamt reibungslos. Nach dem Etappenende wurden die Räder übernommen, gereinigt und wieder für den nächsten Tag vorbereitet. Der inkludierte Bike-Wash stellte dabei einen wesentlichen Komfortfaktor dar, da er die tägliche Wartung deutlich reduzierte.

Auch die Versorgungssituation erwies sich als unkompliziert und gut abgestimmt. Die Nähe der Etappenorte zu kleineren Ortschaften ermöglichte es, sich täglich problemlos mit Wasser, Snacks und grundlegenden Lebensmitteln zu versorgen. Dadurch blieb der logistische Aufwand überschaubar und der Fokus klar auf dem sportlichen Ablauf.
Konzept: Gravel ohne Umwege
Was dieses Rennen besonders macht, ist nicht nur die Landschaft, sondern die klare Linie im Konzept. Keine Trails, keine MTB-Spielereien, kein künstliches „Schwieriger machen“. Wenn Gravel da ist, wird Gravel gefahren. Wenn nicht, dann halt Straße – aber immer flüssig, logisch und fahrbar.
So entsteht eine Mischung aus richtig guten Schotterstraßen, schnellen Asphaltpassagen und einer Region, die sich komplett entfaltet: von Weinbergen über Karoo bis runter an den Indischen Ozean.



Fazit: ein klares Statement im Gravel-Rennkalender
Der Garden Route Gravel Giro 2026 hat bei seiner ersten Austragung ein überraschend klares Profil entwickelt. Die Kombination aus sportlicher Intensität, logistisch sauberem Aufbau und einer landschaftlich außergewöhnlichen Route ergibt ein Format, das sich bewusst von anderen Rennkonzepten absetzt.
Die Mischung aus Etappenrennen, Camp-Leben und landschaftlicher Vielfalt funktioniert dabei nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil des Gesamterlebnisses. Und genau deshalb trifft der Hashtag #propergravel hier ziemlich gut ins Schwarze.
Mehr Infos findest du hier. Garden Route Gravel Giro – 19. bis 24. April 2027
Bilder (c) oakpics, Shiftmedia & Privat


