**Mythos Idealgewicht: Ist weniger immer mehr?
**PREMIUM CONTENT// Auch wenn es oft behauptet wird: Gewicht zu verlieren bedeutet für Bikerinnen und Biker nicht immer einen Vorteil. Hier sind vier Gründe, die dagegen sprechen.
Watt pro Kilogramm
Spätestens seit dem Siegeszug massenkompatibler Leistungsmessgeräte hat sich die sogenannte Power-to-Weight-Ratio als Zauberformel im Radsport etabliert. Vor allem am Berg geht es darum, möglichst viele Watt pro Kilogramm Körper- oder Systemgewicht – je nach Berechnungsansatz – dem Gipfel entgegenzuwuchten. Der Ehrgeiz mancher Zahlennerds treibt dabei gelegentlich für Otto und Ottilie Normalbiker seltsame Blüten. So rechnet ein bekanntes Radsportmagazin vor: Bei einem Systemgewicht (Bike und Biker) von 85 Kilogramm und einer kontinuierlichen Geschwindigkeit von 15 km/h an einer fünf Kilometer langen und sechs Prozent steilen Steigung würde ein halbes Kilo weniger genau 1,2 Watt und damit sechs Sekunden Fahrzeit ersparen. Der Ratschlag, der regelmäßig aus solchen Rechenspielen gefolgert wird, lautet dann: Macht euch leichter! Das heißt: Wenn ihr schon nicht stärker werdet, dann nehmt wenigstens ab, damit euren Wattzahlen weniger an zu bewegender Masse gegenübersteht. Die Gleichung: Je leichter, desto besser!
Davon abgesehen, dass Radfahren, ob nun am Mountainbike, Rennrad oder in welcher Form auch immer, ein Outdoorsport ist und nicht unter Laborbedingungen betrieben wird, darf das hinterfragt werden. Und das aus mindestens vier Gründen:
Erstens: Kilo ist nicht gleich Kilo
Tatsache ist: Viele Breitensportler profitieren in einem bestimmten Ausmaß an einer Gewichtsreduktion – dann nämlich, wenn sie einen hohen Körperfettanteil haben. Fett ist im Gegensatz zu Muskelmasse nicht am Vortrieb beteiligt und daher buchstäblich träge Materie, die sie mit sich herumschleppen. Gleichzeitig ist Fett nicht nur “böse”, sondern für den Körper auch essentiell. Der “gesunde” Körperfettanteil ist stark von Geschlecht und Alter abhängig und liegt bei Männern etwa zwischen 10 bis 20 Prozent der Körpermasse, bei Frauen zwischen 20 und 30 Prozent. Leistungssportler liegen oft darunter. Der Punkt: Wer abnimmt, um mehr Watt zu treten, muss auch darauf achten, Fett abzubauen, und nicht Muskelmasse. Denn die ist ja dafür zuständig, dass die Watt auf die Pedale kommen, etwa indem sie Glykogen speichert, das als Antrieb benötigt wird. Zwar wird auch ein Bodybuilder am Berg nicht schnell sein, aber nicht allein wegen seiner Muskelfülle, sondern weil seine Muskelfasern nicht auf Ausdauerleistung trainiert sind. Wer freilich Fett verlieren will, dem gelingt das etwa durch lange Ausfahrten im Grundlagenbereich oder durch kürzere, nüchterne Fahrten vor dem Frühstück.
Zweitens: Was wiegen die Pros?
Hier geht es um die normative Kraft des Faktischen: Was wiegen Leute, die wirklich was am Rad drauf haben? Für uns sind nicht so sehr Bahnfahrer oder Sprinter interessant (Topsprinter Caleb Ewan wäre mit seinen 67 Kilogramm bei einer Größe von 165 Zentimetern schon fast übergewichtig – sagt die Statistik), sondern Leute, die am Berg gut sind. MTB-Ikone Nino Schurter ist mit einem Body Mass Index (BMI) von 22,7 ebenfalls weit weg vom Untergewicht – davon würde man bei einem BMI unter 18,5 sprechen. Eine Erhebung der Plattform Training Peaks hat ergeben, dass der prototypische MTB-Weltmeister von 2001 bis 2012 einen BMI von 21,8 hatte – also alles im grünen Bereich. Wirkliche Extreme finden sich zwar auch, etwa der deutsche Straßenkletterer Emanuel Buchmann (181 cm/59 kg/BMI 18,0), sie bilden aber die Ausnahme. Euren eigenen BMI könnt ihr übrigens hier berechnen: www.bmi-rechner.at
Drittens: Leistungsverlust durch Askese
Wer voll im Training steht und gleichzeitig versucht abzunehmen geht ein nicht unbeträchtliches Risiko ein. Der Körper benötigt allein dafür, seinen Standby-Modus aufrechtzuerhalten, eine bestimmte Menge an Energie (Grundumsatz). Dazu kommt noch, was er braucht, um Arbeit zu verrichten, also etwa ein zweistündiges Intervalltraining zu absolvieren (Leistungsumsatz). Wer gleich weiter trainiert wie bisher, aber die Nahrungszufuhr drastisch kürzt, wird, wie die Mediziner der Plattform Health4Performance schreiben, zu wenig Energie für das “alltägliche Business” des Körpers zur Verfügung haben, und sich damit einem erhöhten Krankheitsrisiko aussetzen. Dasselbe gilt für Athletinnen und Athleten, die exzessiv trainieren, aber ihre Nahrungszufuhr nicht steigern. Bekannt ist das Phänomen unter dem Namen Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S)
Viertens: Nichts geht mehr
Im allerschlimmsten Fall kann das zum Zusammenbruch führen – physisch und psychisch. Essstörungen sind bei Radfahrern, die vor allem in gebirgigen Terrain unterwegs sind, ein Thema: Der Wille, möglichst wenig zu wiegen, um erfolgreich zu sein, wird zu einem Zwang. Und dieser Erfolgstrieb kann mit der Zeit so kontraproduktiv werden, dass er ganze Karrieren zerstört. Dominic Nerz etwa, mittlerweile 31, galt als eines der größten deutschen Talente am Rennrad. Als der Druck im Profipeloton zunahm entwickelte er Depressionen und Magersucht. Als nichts mehr ging stieg Nerz im Jahr 2016 vom Sattel und beendete seine Laufbahn. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch verarbeitet (“Gestürzt”), mittlerweile arbeitet er als Koch.
Text: Michael Windisch

