**”Doping kann Training nicht ersetzten” Im Gespräch mit Willy Lilge
**PREMIUM CONTENT// Leistungswunder entpuppen sich meist als Spiel mit gezinkten Karten – und doch dürfen Spitzenleistungen nicht unter Generalverdacht gestellt werden, meint der Trainer, Leistungsdiagnostiker und Antidopingaktivist Willy Lilge. Wir haben mit ihm über die Motivation für Doper gesprochen, was soziale Medien damit zu tun haben und darüber, warum systematisches Training mehr bringt als Pillen und Pulver.
Text & Interview: Michael Windisch
Hand aufs Herz: Wenn ein Radrennen anschauen – was denken Sie sich als erstes?
Es ist immer ein zwiespältiger Eindruck. Einerseits leidet und fiebert man mit. Ich gehe ja auch selbst auf bescheidenem Niveau radfahren und weiß zumindest, wie das ist, sich einen Berg hinauf zu kämpfen. Das ist aber auch getrübt: wenn jemand im Profibereich plötzlich eine Klasse stärker ist alle anderen, kommen natürlich Zweifel auf. Vor allem wenn man weiß, wie eng die Dichte an der Spitze ist. Aber es ist dennoch entscheidend, dass nicht jede herausragende Leistung automatisch mit Doping in Verbindung gebracht wird. Es ist immer eine Frage des Umfelds. Aber Wunder entpuppen sich bei näherem Hinschauen oft als sehr einfach erklärbar.
Die Durchschnittsgeschwindigkeit der Tour de France liegt heute unter der der Armstrong-Jahre, obwohl die Etappen kürzer und die Räder technisch besser sind. Ein Indiz für mehr Sauberkeit?
Die Vergleichbarkeit im Radsport ist natürlich sehr schwierig, da ja auch die Streckenprofile immer unterschiedlich sind. Selbst an Anstiegen wie dem Mont Ventoux sind die Bedingungen immer anders. Aber die große Weiterentwicklung im physischen Bereich scheint nicht gegeben zu sein. Es ist halt nicht so deutlich messbar wie zum Beispiel in der Leichtathletik, wo im Kugelstoßen die Leistungen etwa zehn Prozent schwächer sind als in den 1980er- oder 1990er-Jahren zu Hochzeiten des Anabolikadopings. Es ist nur die Leistung des Feldes untereinander vergleichbar. Es könnte theoretisch sein, dass alle gedopt sind, aber auch, dass niemand gedopt ist.
Eine Frage die viele beschäftigt – wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer derer, die im Profiradsport dopen?
Da bin ich angewiesen auf anonyme Befragungen und die Aussagen von Experten, ich würde aber sagen, es hat sich in den letzten Jahren schon gebessert. Es sind einerseits die Kontrollen glaubwürdiger geworden, es sind auch die Antidopinggesetze zum Beispiel in Frankreich, Deutschland, Italien, verschärft worden. Ich gehe davon aus, dass ganz grob zehn bis zwanzig Prozent, vielleicht auch dreißig Prozent, dopen. Wenn man fragt, ist derjenige gerade bei dieser oder jener Etappe gedopt, dann ist das eher ein geringer Prozentsatz. Wenn die Frage lautet, wer von denen, die jetzt an der Spitze mitfahren, irgendwann einmal in seinem Leben in Berührung mit Doping gekommen ist, dann ist der Prozentsatz sicher deutlich höher. Es gibt Befragungen von Olympischen Sommerspielen, da haben im Bereich Ausdauersport – Mittel- und Langstreckenlauf, Triathlon etc. – über dreißig Prozent irgendwann einmal Erfahrungen mit Doping gehabt. Das heißt nicht, dass sie beim konkreten Bewerb gedopt antreten.
Ist die Zahl im Hobbybereich, in dem wenig bis kaum kontrolliert wird, vielleicht noch höher?
Ich würde sagen sie ist ähnlich. Aber die Gründe sind andere. Im Spitzensport ist Doping so etwas wie Wirtschaftskriminalität. Im Hobbysport ist das Doping Medikamentenmissbrauch nur für Ruhm und Ehre, zum Teil auch aus Unwissenheit. Im wesentlichen ist es ein psychologisches oder medizinisches Problem, denn gerade im Hobbysport heißt das, dass die Athleten nicht mit medizinischen Teams zusammenarbeiten, sondern sich oft auf Grund von Tipps im Internet irgendwas einwerfen, auch unter dem Motto: ein bisschen hilft ein bisschen, viel hilft viel.
Sollte im Hobbybereich verstärkt kontrolliert werden?
Absolut. Wenn stichprobenartig oder gezielt kontrolliert wird, dann zeigt sich auch dort, dass die NADA rasch fündig wird. Und bei jenen Sportveranstaltungen, wo entsprechende Umsätze getätigt werden, wo kommerzielle Veranstalter dahinter stehen, sind die Kosten für Dopingkontrollen vernachlässigbar – wir reden von ein paar hundert Euro. Auf Grund von Umfragen sieht man ja: Die Teilnehmer sind zum großen Teil auch dazu bereit und würden sich Kontrollen wünschen, weil es dann fairer zugeht.
Versuchen manche Athleten, Doping als eine Abkürzung zu nehmen und reizen dabei ihr Trainingspotenzial gar nicht aus?
Doping kann Training nicht ersetzen, aber wirksamer machen. Es kann auch die Regeneration verbessern, das heißt, die Leute können mehr und härter trainieren. Oft geht es ja wirklich nur um falschen Ehrgeiz, darum, Anerkennung zu finden. Für viele ist das Doping ein Mittel, vorhandene Defizite in Teilbereichen zu kompensieren. Das reicht für einen Hobbyfahrer nicht, zur Tour de France zu kommen geschweige denn zu gewinnen, aber vielleicht dafür, endlich einmal schneller zu sein als der Vereinskollege. Es muss medizinisch viel mehr Aufklärung betrieben werden, welche Gefahren damit verbunden sind. Oft werden Aufputschmittel eingeworfen, die die natürlich eingebauten Schutzmechanismen des Körpers vor einer Überlastung ausschalten. Das kann bis zum Tod führen.
Wie stark könnte ein Athlet, der bisher unsystematisch trainiert hat, rein von einer Umstellung auf planmäßiges Training profitieren?
Gerade im Radsport, wo das Training sehr wissenschaftlich gesteuert werden kann, liegen wahnsinnige Reserven. Vor allem im engagierten Hobbybereich ist es ja so: Die Leute fahren ein paar Mal unter der Woche, treffen sich am Samstag oder Sonntag, fahren in der Gruppe, es ist lustig – aber die Trainingssteuerung und Individualisierung ist im Radsport wesentlich weniger entwickelt als im Laufsport oder Triathlon. Die Fahrer haben vielleicht Wattmesser, aber wissen eigentlich überhaupt nicht, wie sie die einsetzen. Es gibt da wahnsinnige Leistungsreserven durch Optimierung des Trainings, die bei weitem das übersteigen, was durch Doping möglich ist.
Gibt es bestimmte Trainingsmethoden, die Hobbyradfahrer meist vernachlässigen, die aber besonders viel bringen würden?
Es wird sehr viel in einem unwirksamen Bereich trainiert, also leere Kilometer gefahren. Zum Teil wird auch überfordert und viel zu wenig die gesamte Bandbreite der Trainingsreize ausgenützt, von regenerativ bis zum Intervalltraining. Das reicht bis zur nationalen Spitze. Da die meisten Leute keine Leistungsdiagnostik machen wissen sie gar nicht, in welchem Leistungsbereich sie sich bewegen und bewegen sollen. Es könnten fast alle Radsportler mit geringerem zeitlichen Aufwand aber intelligenterem Training mehr erreichen und besser werden.
Lassen sich “unnatürliche” Leistungszuwächse in irgendeiner Form quantifizieren? Anders gefragt: Um wieviel kann ich pro Saison besser werden, ohne dass Sie stutzig werden?
Im Ausdauerbereich ist im Spitzensport eine Leistungssteigerung von zwei, drei Prozent schon wahnsinnig viel. Man muss aber trotzdem aufpassen und sich das ganze Umfeld anschauen. Nur ein Beispiel: Gerade bei Frauen ist es manchmal so, dass sie jahrelang Eisenmangel haben, das dann in den Griff bekommen und plötzlich einen Leistungssprung machen. Da muss man vorsichtig sein und darf nicht gleich Doping hineininterpretieren.
Gibt es eine bestimmte Zielgruppe im Breitensport, die besonders anfällig für Doping ist?
Die, die wirklich nur zum Spaß fahren und ab und zu bei einem Rennen teilnehmen sind nicht wirklich gefährdet. Gefährlich ist es bei den sehr engagierten Halbprofis, die zum Beispiel im Marathon um die drei Stunden laufen. Das sind die, die zurecht damit rechnen, dass sie nie im Leben zu einer Dopingkontrolle kommen werden. Es ist ein Suchen nach Anerkennung. Soziale Medien befeuern das Ganze. Das wird oft belächelt, aber es ist tatsächlich so, und das ist wirklich bedenklich.
Salt Lake City 2002, Turin 2006, die Affäre Bernhard Kohl, jetzt die Operation Aderlass – es scheint, Österreich hat ein spezielles Dopingproblem.
Das scheint nicht nur so, das ist tatsächlich so. Bei den Dopinggesetzen spielen wir in Europa nur in der zweiten Liga. Bernhard Kohl ist der klassische Fall, wie man in Österreich mit sowas umgeht. Überall sonst wäre der weg vom Fenster. Kohl hat sich mit Doping einen Namen und einen Bekanntheitsgrad geschaffen, den er sonst nie erreicht hätte. Und diesen Bekanntheitsgrad verwertet er kommerziell gut, von den Medien wird er teilweise immer noch hofiert. Doping zahlt sich in Österreich ökonomisch aus. Bei uns wird das gesellschaftlich toleriert, mehr als woanders, als zum Beispiel in skandinavischen Ländern. Diese Mentalität spielt eine Rolle, auch die lasche Gesetzgebung. Und das ist etwas, was gefährdete Sportler vielleicht diesen Schritt über die rote Linie tun lässt.
Was müsste sich an der österreichischen Dopingpolitik oder am öffentlichen Diskurs über Doping ändern?
Es geht um eine Kombination von Maßnahmen: Bewusstseinsbildung, aufklärende Maßnahmen, Selbstwertgefühl stärken, auch abschreckende Sanktionen. Wenn ein Sportler weiß, wenn ich erwischt werde, dann stehe ich vor Gericht – dann schreckt das ab. Es ist unangebracht, hier von einem Kavaliersdelikt zu reden. Jeder erwischte Sportler schadet nicht nur sich selbst, sondern seiner ganzen Sportart, und dem Sport insgesamt.
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